23. September - und ploetzlich Mallaig

Am Morgen um 7Uhr bin ich wach, aber zu muede um aus dem Schlafsack zu krabblen, stattdessen mach ich nen langen Arm und greif nach dem EBook, um etwas zu lesen. Mir ist so ueberhaupt nicht nach Paddeln heute. Und will am liebsten hier bleiben, waere da nicht der Wind. Der Wind hat ueber Nacht zugenommen und wird staerker, nicht ueberraschend nach gestriger Wettervorhersage. Gegen hierbleiben und sich einmummeln spricht der fehlende Platz um das Zelt vernuenftig abzuspannen. Es waere nicht soweit nach Arisaig oder zurueck nach Glenuig. Schliesslich beginn ich zu packen, allerdings im Innenzelt da es zu nieseln anfaengt. Das Innenzelt wird am Ende des Packens vom Aussenzelt getrennt, damit es trocken in einen Packsack kann.


Trotz des Windes der vom Meer kommt, sieht jenes selber nicht schlimm ein. Kaum weisse Wellenkaemme und die Brandung am Strand ist nichts was Probleme machen sollte. Das Boot wieder zum Wasser zu bringen dagegen war ein Problem, es war mal wieder ein Segel-Boot. Boot so weit runter zur Wasserlinie wie moeglich und Packen. Ich finde den Kakao, den ich gestern abend vergeblich gesucht habe. Ein Zeichen, das das Packsystem ueberdacht werden muss und zuviel im Gepaeck ist.

Beim Start war ich froh das mich keiner beobachten konnte, gut, das hiess auch es koennte  mir keiner helfen. Idee war ein Seal-Launch, sprich Kajak 90Grad zu den Wellen, einsteigen, Spritzschutz rauf und mit Paddel auf einer Seite und Hand im Sand auf der anderen Seite schieben. Sobald eine Welle das Boot anhebt ganz schnell Paddeln und Langgewinnen. Soweit der Plan, aber die Wellen wollten nicht so recht. Boot wurde zur Seite und zurueck auf den Strand gedrueckt. Zweiter Versuch mit geloesten Spraydeck, Boot leicht schwimmend auf dem Wasser, Hintern ins Boot und mehrere Wellen fluten das Cockpit. Wieder raus, Wasser rauspumpen und mit Schwamm trockenlegen. Dritter Versuch, wieder mit Spritzschutz geschlossen. Wieder zur Seite und auf den Strand rauf, doch mit etwas Warten, Handeinsatz und Schimpfen, liegt der Bug auf dem Strand, das Heck im Wasser und mit einer hereinbrechende Welle ist genuegend Wasser unter dem Kiel und ein paar kurze, schnelle, kraftvolle Rueckwaertsschlaege und ich bin schliesslich im freien Wasser. Das war ne ueble Kraftanstrengung so frueh am Paddeltag.

Es ging um die kleine Landspitze rum und dann Peilung um den Sound of Arisaig via Open Crossing hinter mich zu bringen statt die Kueste langzuschleichen. Das war aber nur moeglich, weil ich ein Kompass dabei hatte und ein paar Kilometer Sicht. Die Wellen waren nicht so ganz freundlich und es blies nen seitlicher Wind, aber ich hatte damit keine Probleme, ausser das mir schwerfiel zu sagen ob ich vorankam oder nicht. Bei Querungen dieser Art ist das Abschaetzen von Entfernungen immer ein Problem. Ich wusste zwar was ein Transit ist, aber mit fehlender Bebauung oder anderem was hervorsticht war alles sehr ungenau. Ich hatte Inseln zur rechten Hand, das half etwas. Der Wind war eisig und statt Hut hatte ich meine Wollmuetze auf. Warum kommen die Inseln immer naeher? Mein Gott, der Wind muss ganz schoen wehen, aber ich hab ja immer noch meine Peilung. Wenn die Regenwand stoppen wuerde, doch sie stoppt nicht und mein Ziel verschwindet im Grau. Da gibts nur eines, statt Nordwestkurs auf Nord schwenken und Richtung Ufer, auch wenn das fast eine Meile entfernt ist. Die Duenung wird hoeher, die Wellen kuerzer und die Wellenkaemme brechen. Ab und an gleich neben meinem Boot. Anfang des Jahres haette mich das so nervoeus gemacht, das ich wohl gekentert waere, jetzt konnte ich aber weit genug entspannt bleiben, um nicht mal in die Verlegenheit eines Stuetzschlages zu kommen. Die Wassertropfen auf der Brille verkuerzen die Sicht ordentlich, aber nicht genug um den Seehund zu uebersehen, der quasi in meinem Kurs, schlaeft. Dazu machen Seehunde einen auf Boje, der Koerper wird gestreckt, Nase zum Himmel und so wird bei Wind und Wetter im Wasser geduempelt. Ich bin weniger als eine Bootslaenge entfernt als der Seehund aufwacht und mit grossen Platsch abtaucht.



Langsam, aber sicher mache ich Meter um Meter gut, nah an der Kueste ist es etwas ruhiger und ich such mir eine kleine Bucht fuer die erste Pause. Der Eingang ist von einem kleinen Riff geschuetzt, die Flut ist aber soweit das ich drueber gleiten kann. Auf den Strand gleiten, aus dem raus, Beine vertreten, Brille putzen und der Regen hoert auf. Beim Start setz ich den Hut auf die Muetze auf, in der Hoffnung das die Krempe meine Brille von Wellenspritzern und Regen frei haelt. Als ich wieder lospaddel faellt mir auf, das ich nicht da bin wo ich dachte ich waere. Das Land was ich in der Ferne beim Stop gesehen habe, war nicht Eigg sondern Ardnamurchan, passiert wenn man nicht auf den Kompass guggt. Von einer kleinen Bucht geht es zur naechsten, in den Buchten ist man vor Wellen geschuetzt, aber nicht vor Wind. Mit einemal kommt der Wind so stark von vorne, das ich kaum vorankomme, obwohl volle Kraft hinter jedem Schlag. Uff. Erstmal verschnaufen hinter dem naechsten Felsen, wo zur Hoelle bin ich eigentlich? Oh, den Huegel in der Ferne kenn ich, das ist Eigg, kein Zweifel! Ich kann nicht mehr weit vom South Channel sein, doch vorher noch um die Ecke rum. Das sind ganz schoene Wellen die da angerauscht kommen und sie brechen sich auch sehr beeindruckend an leicht ueberspuelten Felsen.

Jetzt bin ich doch irgendwie froh allein unterwegs zu sein, ich kann mir ganz auf mich konzentrieren. In Verhaeltnissen wie diesen auf andere aufzupassen waere noch zuviel fuer mich, ich bin zu sehr mit meinen Boot beschaeftigt. Doch schliesslich liegt die Landspitze und das Riff hinter mir, ich fahre in den South Channel ein. Wobei nicht rein, sondern ich kreuze hin und der Wind gibt mir ordentlich Schub rein in die Inselwelt die Loch nan Ceall von der offenen See trennt. Keine Wellen, kein Wind, Erholung, Durchatmen, Zeit fuer nen Snickers, Seehunde auf den kleinen Inseln und im Wasser, ein paar Enten die den Weg kreuzen. Es ist nicht das karibische Ambiente von Mai, aber es schaut so aus als ob der Himmel Richtung West/Nordwest aufklart. Die Inseln passiert und weil Hochwasser ist, ist die Hoffnung auf eine Abkuerzung gegeben. Statt den North Channel Richtung Westen zu verlassen und dann die Eilean Ighe zu umrunden sollte das Labyrinth Caolas Eilean Ighe passierbar sein. Der erste Anlauf bringt mich in eine Sackgasse, aber im zweiten Anlauf finde ich den Durchgang und habe einen Campingplatz zu rechter Hand.


An der Kueste reiht sich ein Campingplatz an den anderen, doch ich halte Abstand 200m wenn nicht mehr. Ich habe keine Lust auf Rockhopping und Brandungspaddeln, ich hatte genug Aufregung fuer heute und mein Kopf ist muede. Aufpassen muss ich immer noch, denn auch so weit vom Ufer entfernt verstecken sich einige Felsen knapp unter der Wasseroberflaeche und sorgen ab und an fuer tueckische Verwirbelungen.

Doch dann heisst es doch einen Strand aufsuchen, ich bin am Rand meiner sichtbaren Karte angekommen und muss neu falten. Laut einem Spaziergaenger ist es nun nicht mehr weit bis Mallaig, 2.5Stunden etwa. Ich bin zwar nicht in Eile, andererseits ist es noch frueh am Nachmittag und ich nimm wieder Kurs auf den Huegel, der sich deutlich am Horizont erhebt. Ich passiere eine Bucht in deren Hinterland ich Haeuser an einem Hang erkennen kann, lang kann ich mich nicht fragen ob das Morar ist, weil meine ganze Konzentration wird wieder gefordert. Ola, das ist ganz schoen kappelig hier und wird auch nicht weniger als ich um die Ecke rum bin. Ich versuch ein wenig von den niedrigen Klippen wegzubleiben. In der Ferne seh ich eine Faehre und dann ist da ein Funkmast und mehr und mehr Haeuser. Oh, Mallaig. Das ging jetzt aber schnell. Ich paddel nun parallel zur Strasse, das Stueck zieht sich ziemlich und erstmal muessen noch zwei kleien Riffs um- bzw. durchpaddelt werden. Am letzten nimm ich den Schwung mit und surf auf einer Welle parallel zur Hafenmauer lang. Am Fischereihafen vorbei, dann am Faehranleger und schliesslich der Knoydart Pier. Als ich auf den kleinen Strand zuhalte den ich am Montag gesehen habe, blendet mich die Sonne und das VHF verkuendet den Wetterbericht. War keine schlechte Idee heute durchzuziehen, auch wenn das alles andere als mein Plan war. Glenfinnan - Mallaig war fuer 3.5Tage mit einem Reservetag geplant und nicht das ich 52Stunden nach Verlassen von Mallaig mit dem Bus mit dem Kajak einlaufe. Der Weg war das Ziel. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.



Das Kajak auf dem Strand auflaufen lassen und es so liegen lassen, da die Gezeiten sich gedreht haben und das Wasser ablaeuft. Ich frage einen Arbeiter, der sich an einem Boot im Trockendoch zu schaffen macht, ob es ok ist, wenn ich mein Auto auf der Rampe parke. Es gibt keine Einwende. Ich schnapp mir die Otterbox und lauf in voller Montur (also mit Schwimmweste und Spritzdecke) zum Parkplatz. Trockenanzug, Schwimmweste, Spritzdecke und Schuhe in die Plastewanne, Turnschuhe angezogen und mit Auto zum Boot. Boot ausladen und Auto beladen unter den Blicken der Leute, die auf der Terrasse sitzen und die Sonne geniessen.

Das naechste was ich geniessen wollte war eine Dusche, also zum grossen Parkplatz fahren, Waschbeutel und Wechselwaesche greifen und zur Mission, die fuer diesen Service gepriesen ist. Aber nicht heute, das Cafe hatte schon geschlossen und laut der Aussage die ich am Montag bekam ist der Cafe der Zugang. Spaeter lese ich im Internet, das zumindest Fischer 24Stunden rund um die Uhr da rein koennen und es gilt vermutlich auch fuer jeden anderen, doch das ist alles andere als offensichtlich.
Dann eben weiter zum Glenuig Inn. Von der Strasse aus ist das Pub einfacher zu finden und man sieht auch die Kajaks. Kajakhaendler und Pub gehoeren der gleichen Person, das eine laesst sich ideal mit dem anderen verbinden. Das Bunkhouse ist ein B&B im wortwoertlichen Sinne. Fuer £28 bekommt man ein Bett und Fruehstueck. Der Schlafraum hat 9 Betten, eines ist schon belegt. Fuer uns zwei gibt es zwei kleine Badezimmer je mit Dusche und Toilette. Perfekte Aufteilung. Die heisse Dusche ist himmlisch und willkommen fuer meine schmerzenden Knochen und Muskeln. Heute waere Zelt absolut nicht drin gewesen, ich waere schon am Aufbau gescheitert. Wo kommt eigentlich die Blase am Mittelfinger her und der Sonnenbrand im Gesicht?

Ich belohn mich mit einem Burger zum Abendbrot im Pub. Vollkommen fertig sitz ich auf der Bank und zoegere den Moment heraus wo ich mich die Treppen zum Schlafraum hochschleppen muss. Nach 15km am ersten Nachmittag, gefolgt von 35km am zweiten Tag, kamen heute nochmal 30km dazu unter nicht einfachen Bedingungen. Ich darf knuelle sein.

Die Reise war nicht was ich erwartet hatte. Zum einen war ich alles andere als erkundungsfreudig, doch zum anderen habe ich Bedingungen gemeistert, die mich vor wenigen Monaten noch in der Stress zone, wenn nicht Panic zone gesehen haetten, jetzt nur noch Challenge zone. (Normalerweise geht das Modell sogar nur von 3 Zonen aus: Comfort zone - Stretch zone - Panic Zone, aber das ist fuer diverse sportliche Aktivitaeten unzureichend.) Solotouren sind durchaus als leichtsinnig zu bezeichnen, doch andererseits wie will man seine Grenzen erkunden, wenn man es nicht versucht?

Das Wetter am naechsten Tag waere eine Herausforderung gewesen, die waren kleiner, aber dafuer um eines kuerzer, weisse Wellenkaemme wohin man schaute, heftige Schauer und der Wind blies staerker als am Tage zuvor, ich war froh nicht auf dem Wasser zu sein.

Doch 2 Tage spaeter ging es mit 10 anderen Paddlern vom Inverness Canoe Club auf Loch Sunart, was mir die Moeglichkeit gab die 100km in einer Woche voll zu machen, weil nochmal 25km dazukamen.


Die Bilder der Tour gibts hier